Faire Gemeinde

Fair Handeln im Gemeindealltag – Was bedeutet das?

Eine Vielzahl von Gemeinden und diakonischen Einrichtungen der Württembergischen Landeskirche engagieren sich im fairen und ökologischen Bereich. Die Initiative Faire Gemeinde würdigt dieses Engagement, macht es öffentlich und regt zum Nachdenken über den eigenen Konsum und dessen Einfluss auf weltweite Gerechtigkeit an. Ziel ist, dass durch die Umsetzung von verschiedenen Kriterien ein Wandel in unseren Kirchengemeinden hin zu einer Entscheidung für faire und/oder regionale Produkte stattfindet. Wenn Kirchengemeinden fair handeln, zeigen sie Solidarität mit den Menschen weltweit und helfen bei der Bewahrung der Schöpfung. 

Die Faire Gemeinde ist eine Initiative des Diakonischen Werks Württemberg und der Landesstelle Brot für die Welt in Kooperation mit

Umweltbüro der Evangelischen Landeskirche in Württemberg

Dienst für Mission, Ökumene und Entwicklung

Grüner Gockel

Dachverband Entwicklungspolitik Baden-Württemberg e.V.


Der Weg zur Fairen Gemeinde

Plakette "Faire Gemeinde"

Plakette "Faire Gemeinde"

Als sichtbares Zeichen für faires Handeln im Kirchenalltag werden die teilnehemnden Kirchengemeinden mit der Plakette Faire Gemeinde ausgezeichnet. Die Plakette eignet sich zum Anbringen am Kirchengebäude oder im Gemeindehaus und ist für zwei Jahre gültig. Wenn weitere Kriterien erfüllt sind, kann die Gültigkeit der Plakette verlängert werden.

Warum faires Handeln wichtig ist

Die Schöpfung wird bewahrt

  • Als Christinnen und Christen tragen wir Verantwortung für Gottes Schöpfung. So hat Gott uns in 1. Mose 2,15 den Auftrag gegeben, die Erde nicht nur zu bebauen, sondern sie auch zu bewahren: „Und Gott der Herr nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte“.
  • Zur Bewahrung der Schöpfung tragen regionale und saisonale Produkte durch kurze Transportwege, weniger Energieverbrauch für Gewächshäuser und – bei ökologisch erzeugten Produkten – weniger Chemieeinsatz bei. Bei Produkten wie Kaffee oder Kakao, die bei uns nicht wachsen, setzt der faire Handel je nach Zertifizierung unterschiedlich hohe ökologische und soziale Standards für die Bewahrung der Schöpfung und Gerechtigkeit in den Ländern des globalen Südens.
     

Wir haben Verantwortung gegenüber Menschen in aller Welt

  • Als Christinnen und Christen haben wir eine Verantwortung gegenüber unseren Mitmenschen weltweit. In vielen Geschichten und Gleichnissen wendet sich Jesus sozial benachteiligten Menschen zu. Die Überlieferung vom Barmherzigen Samariter in Lukas 10, 29-37 steht für die Situation vieler Menschen weltweit. Zum Beispiel wurde Menschen in Südamerika ihr Land und damit ihre Lebensgrundlage entzogen. Inzwischen wird in Südamerika auf einer Fläche so groß wie Deutschland und Österreich zusammen Futtermittel für den europäischen Markt produziert.
  • Um langfristige negative Auswirkungen durch unser wirtschaftliches Handeln zumindest einzudämmen, können Kirchengemeinden und diakonische Einrichtungen mit gutem Beispiel für zukunftsfähiges Wirtschaften vorangehen. Aufgrund von globalen Verflechtungen hat unser Handeln kurzfristige und langfristige Auswirkungen auf Menschen hier in Württemberg und weltweit.
  • Kirchengemeinden und diakonische Einrichtungen bilden gemeinsam eine starke Stimme, die sich auch politisch für ein zukunftsfähiges Wirtschaften stark machen kann.

Kirchengemeinden haben eine große Marktmacht

  • Kirchengemeinden und diakonische Einrichtungen beschaffen und konsumieren viele Produkte und nehmen Dienstleistungen in Anspruch. Durch die Steigerung der Nachfrage nach regionalen, saisonalen, ökologischen und fairen Produkten trägt eine Gemeinde oder Einrichtung selbst dazu bei, dass das Angebot vor Ort weiter wächst und die Strukturen ausgebaut werden. Damit setzen Kirchengemeinden ein Zeichen und beeinflussen den weltweiten Handel nachhaltig.

 
Qualität und Preis

  • Ökologisch produzierte und fair gehandelte Produkte sind heute oft nicht mehr teurer als herkömmliche Produkte. 
  • Die Auswahl ist bei vielen fairen Produkten mittlerweile so groß, dass für jeden Geschmack etwas dabei ist. So führt die Produktdatenbank von Fairtrade Deutschland beispielweise zum Thema Kaffee über 300 Einträge. 
  • Auch andere ökologische und fair gehandelte Produkte stehen herkömmlichen Produkten, was die Qualität angeht, in nichts mehr nach. Recycling-Papier ist nicht zwangsläufg grau und auch für maschinelle Ausdrucke bestens geeignet. 

Weitere Informationen und Argumente für zukunftsfähiges Wirtschaften finden Sie unter www.zukunftsfähiges-wirtschaften.de 

Der Weg zur Auszeichnung

1. Kirchengemeinde informiert sich
Der Kirchengemeinderat informiert sich über die Initiative "Faire Gemeinde". Tipp: Laden Sie einen Weltladen aus Ihrer Region ein und lassen Sie sich beraten.

2. Kirchengemeinderat beschließt die Teilnahme
Der Kirchengemeinderat beschließt die Teilnahme an der Initiative Faire Gemeinde und benennt eine Ansprechperson. Voraussetzungen für die Auszeichnung als Faire Gemeinde sind: Bei Veranstaltungen der Kirchengemeinde wird fair gehandelter Kaffee ausgeschenkt und mindestens ein weiteres Podukt aus fairem Handel angeboten. Die Gemeinde erfüllt mindestens drei weitere Kriterien der Fairen Gemeinde. Die Gemeinde schickt die ausgefüllte Selbstverpflichtung der Fairen Gemeinde an die Landesstelle Brot für die Welt Württemberg.

3. Informationsphase
Die Kirchengemeinde informiert im Gemeindebrief und in den lokalen Medien darüber, dass sie den fairen Handel unterstützt und führt jährlich mindestens eine Bildungsveranstaltung zum Thema "Fair handeln bei uns und weltweit" durch. Dies kann auch eine Kooperationsveranstaltung, zum Beispiel mit dem Weltladen, sein. 

4. Phase der Umsetzung
Die Phase der Umsetzung kann mehrere Monate bis zu zwei Jahren dauern. Nachdem die Kirchengemeinde die Kriterien erfüllt hat, schickt sie einen Bericht, Zeitungsartikel, Fotos oder ähnliche Belege, die die Umsetzung der Kriterien dokumentieren, an die Landesstelle Brot für die Welt Württemberg. Nach Überprüfung erhält sie die Plakette Faire Gemeinde.

Wann handelt eine Gemeinde fair? – Kriterien

 
Neben dem Angebot von fairem Kaffee und einem weiteren Produkt aus fairem Handel oder regionalem Anbau bei ihren Veranstaltungen muss die teilnehmende Kirchengemeinde oder diakonische Einrichtung mindestens drei der genannten Kriterien erfüllen:

1. Faire Geschenke
Geschenke werden zu verschiedenen Anlässen in Kirchengemeinden und diakonischen Einrichtungen verschenkt, sei es zu Geburtstagen, Verabschiedungen oder zum Dank an Referenten. Dies ist eine gute Gelegenheit Produkte aus fairem Handel, regionaler Produktion oder aus Werkstätten für Menschen mit Behinderung und/oder seelischer Beeinträchtigung zu erwerben. 

2. Faire Bewirtung
Ein Fest ohne Essen ist kein richtiges Fest. Doch schon beim Einkauf der Zutaten nehmen wir als Verbraucher Einfluss auf Menschen und Tiere. Jede und jeder von uns unterstützt damit bestimmte Anbau-, Arbeits-, Lebens- und Produktionsbedingungen. Mit der Entscheidung für regionale und/oder faire Produkte treten wir für eine nachhaltige Erzeugung von Lebensmitteln zur Bewahrung der Schöpfung ein. Auch manche diakonische Einrichtungen bieten bereits einen nachhaltigen Cateringservice.

3. Verkaufsstelle fairer Produkte
In vielen Dörfern und Städten gibt es bereits Einkaufsmöglichkeiten für faire Produkte. Laden Sie z.B. einen Weltladen oder regionalen Lebensmittelhändlern ein und lassen sie sich in der Gemeinde die Produktvielfalt zeigen. Falls es noch keine Verkaufsstelle vor Ort gibt, können Sie gemeinsam überlegen, in welcher Form eine Verkaufsstelle eingerichtet werden kann: als eigenständiger Laden oder als kleine Filiale (evtl. auch als Bauchladen oder in einem abschließbaren Schrank), als Sortiment in einem bestehenden lokalen Laden. Vielleicht haben Sie ja noch ganz andere Ideen. Aus unserer Erfahrung ist es vor allem wichtig, die Produktvielfalt kennenzulernen und evtl. bei gemeinsamen Probieraktionen zu entscheiden, welche Produkte ins Sortiment aufgenommen werden, da  zum Beispiel bei über 300 Kaffeesorten aus fairem Handel (Produktdatenbank FairTrade Deutschland) für jeden Geschmack etwas dabei sein müsste.

4. Fair gehandelte Blumen
Blumenschmuck ist bei Veranstaltungen und Gottesdiensten wie Sonntagsgottesdiensten, Trauungen, Taufen, Konfirmationen etc. erwünscht. Fair gehandelte Blumen sind eine kleine, aber sehr effektive Möglichkeit, um verantwortungsvoller zu kaufen. Alternativ zu fair gehandelten Blumen können Sie natürlich auch einheimische Blumen verwenden. Jeder kleine Schritt zählt, um die Welt ein Stückchen gerechter zu machen.

5. Fairer Umgang mit Ressourcen
Bewahrung der Schöpfung ist eine wichtige Aufgabe der Kirche. Dafür ist ein fairer und bewusster Umgang mit Ressourcen notwendig. Viele Kirchengemeinden und Einrichtungen haben bereits ein nachhaltiges Energiemanagement  und/oder den „Grünen Gockel“ eingeführt, weitere sind eingeladen, sich ebenfalls auf diesem Gebiet zu engagieren.

6. Müllvermeidung
Jeden Tag werden weltweit 3,5 Millionen Tonnen Müll produziert. Die Auswirkungen sind jetzt schon immens. Als Kirchengemeinden und diakonische Einrichtungen können wir unseren Beitrag leisten. Das Kriterium sieht vor, dass wir bei Festen und anderen Veranstaltungen ausschließlich Mehrweggeschirr verwenden. Außerdem sollen keine Einwegflaschen und Dosen verwendet werden.

7. Fair gehandeltes Spielzeug
Jedes Kind liebt Spielzeug, da es ihm lang anhaltende Freude vermittelt. Deswegen ist es wichtig langlebiges Spielzeug zu beschaffen, vor allem in Kindergärten. Kinder kommen so schon hier in Kontakt mit fairen Produkten und Eltern können sich dadurch auch ein faireres Bewusstsein schaffen. Diese Spielsachen sollten aus deutscher Produktion stammen und mit dem „Spiel gut-Siegel“ gekennzeichnet sein, aus Werkstätten für Menschen mit Behinderung und/oder seelischen Beeinträchtigung kommen oder aus dem fairem Handel stammen.

8. Recyclingpapier
Recylingpapier ist heute in verschiedenen Weiß- und Grautönen erhältlich und je nach Standards der verschiedenen Siegel für die Eignung in Druckern und Kopierern geprüft. Es trägt dazu bei, dass weniger Regenwald zerstört wird. Damit bleiben Lebensräume vieler verschiedener Tierarten erhalten und das Klima wird durch die CO2-Bindung im Regenwald geschont. Auf Grund dessen ist es sinnvoll, ausschließlich Recyclingpapier zu verwenden. 

9. Ökostrom
Ökostrom steigert den Anteil der erneuerbaren Energien am gesamten Energieverbrauch nachhaltig und reduziert den Verbrauch von fossilen Energieträgern, die nur begrenzt zur Verfügung stehen. Außerdem kann der Ausbau von Ökostromanlagen regionale Wirtschaftsstrukturen stärken. Der Kohlenstoffdioxidausstoß wird pro Verbraucher um ca. 80 Prozent gesenkt.

Nach der Auszeichnung

Die Plakette „Faire Gemeinde“ ist zwei Jahre lang gültig. Unserer Arbeitsgruppe liegt besonders am Herzen, dass die „Faire Gemeinde“ keine kurzfristige Aktion ist, sondern den Einkauf von Kirchengemeinden dauerhaft gerechter gestaltet. Zugleich soll der Weg aber nicht zu mühsam sein, schließlich haben alle Kirchengemeinden noch zahlreiche andere „Baustellen“, mit denen sie sich auseinandersetzen müssen oder möchten.

Wollen Kirchengemeinden die Gültigkeit ihre Plakette erneuern, bitten wir sie nach zwei Jahren um einen kurzen Zwischenbericht. Hierzu muss ein Bogen ausgefüllt werden. Folgende Kriterien gelten weiterhin:

  • Die Grundvoraussetzungen der „Fairen Gemeinde“ werden eingehalten. Diese sind: Es wird fairer Kaffee und ein weiteres Produkt angeboten; die Kirchengemeinde führt mindestens ein Mal im Jahr eine Veranstaltung zum Thema „fair handeln bei uns und weltweit“ durch; die Kirchengemeinde berichtet im Gemeindebrief oder in der Zeitung über die „Faire Gemeinde“ oder Themen, die damit zusammenhängen.
  • Mindestens drei der Kriterien, die Ihre Gemeinde vor zwei Jahren ausgewählt hat, erfüllt Ihre Gemeinde auch weiterhin.
  • Ihre Gemeinde erfüllt ein weiteres Kriterium der „Fairen Gemeinde“ oder erzielt durch eine selbst gewählte Aktion einen Fortschritt für faires Handeln.
    Das kann zum Beispiel sein: Beteiligung an der weiterführenden Aktion „Zukunft einkaufen – Glaubwürdig wirtschaften in Kirchen“ www.zukunft-einkaufen.de, Beteiligung an der „fairen Woche“ oder eine andere besondere Aktion, zum Beispiel mit einer Schule, ein „faires“ Frühstück mit fair gehandelten Produkten,  Gewinnung einer anderen Kirchengemeinde für die „Faire Gemeinde“, Einführung eines weiteren fairen Produkts, z.B. „faire“ Milch aus einer regionalen Genossenschaft oder umweltfreundliche Reinigungsmittel, Durchführung einer Handysammelaktion, Umgestaltung des Kirchgartens für Artenvielfalt, Werbung für den öffentlichen Nahverkehr,…

Tipps zur Umsetzung

Tipps zur Umsetzung

  • Bilden Sie eine Steuerungsgruppe, die die Umsetzung begleitet. Denn gemeinsam im Team fällt‘s leichter.
  • Feiern Sie einen Eröffnungsgottesdienst.
  • Vielleicht gibt es bei Ihnen vor Ort Gemeindeglieder oder weitere Personen, denen eine umwelt- und sozialverträgliche Lebensweise am Herzen liegt. Fragen Sie sie, ob sie über diese Berührungspunkte Interesse haben mitzuarbeiten. Eventuell auch nur für den überschaubaren Zeitraum eines (Teil-) Projekts.
  • Überlegen Sie, ob Sie Schritt für Schritt vorgehen möchten oder gleich den „großen, systematischen Wurf“ machen. Beides hat seine Vorteile.
  • Stellen Sie alte Gewohnheiten auf den Prüfstand. Manches macht man, weil es immer schon so gemacht wurde.
  • Laden Sie einen Weltladen aus ihrer Region ein und lassen Sie sich beraten.
  • Sprechen Sie mit Fachleuten vor Ort und lassen Sie sich beraten.
  • Informieren Sie sich bei anderen Kirchengemeinden, um Erfahrungswerte auszutauschen.
  • Überlegen Sie unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit, ob Sie ein Produkt wirklich brauchen. Welche Freiheiten gibt Ihnen die „Ethik des Genug“ an die Hand? Geprüft werden sollte auch, ob beispielsweise Geräte länger genutzt, repariert, geliehen oder getauscht werden könnten.
  • Egal, ob sie schon auf dem Weg sind oder Erstinformationen benötigen: es gibt inzwischen viele grundlegende Informationen, Handreichungen und Bildungsmaterialien, auf die Sie zurückgreifen können. Fragen Sie die Kooperationspartner, wenn Sie Hilfe benötigen.